Westwendischer Kunstverein

ANGELA HARTIG:

FETZEN

Vernissage: Donnerstag 14. Mai um 18 Uhr
Ort: Kunstkammer
Es spricht: Ana Laibach, Künstlerin und Dozentin, Mannheim | Schlagzeug: Paul Pangritz, Lüneburg | Kuratiert von Christina Paetsch

Ausstellung: vom 14. Mai bis 28. Juni 2026

Fr. 16-18 Uhr | Sa. und So. 14-17 Uhr

Sonderöffnungszeiten während der Kulturellen Landpartie täglich von 11-18 Uhr

Die Künstlerin Angela Hartig (*1961 in Stuttgart) lebt und arbeitet seit 2020 im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Zeichnung, Ob­jektkunst und Installation mit einem hohen Maß an konzeptueller und handwerklicher Präzision.

Fetzen

sind Überbleibsel, Reste, ausgediente Materialien, Müll. Fetzen hatten ein Vorleben: als Kleidung, Wäsche, Decken, Zelte, Teppiche, Fahnen, rituelle Gewänder, Möbelstoffe, Bildträger. Sie waren Ordnungsfaktoren gesellschaftlichen Lebens, definierten soziale Gefüge, waren Statussymbol, Rollenzuschreiber und Identitätsfaktor.

Fetzen hatten bessere Tage, waren dem nackten Menschen Fellersatz im Überlebenskampf. Sie sind Veteranen einer analogen Zeit und werden begleitet von einem Erinnerungsecho an echte Handarbeit wie Weben, Stricken Sticken, Klöppeln. Sie erscheinen mir als Relikte einer sich in Auflösung befindlichen Zivilisation und Weltordnung auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. In dystopischen Filmen sind sie das tragende Gestaltungsmittel der Kostümausstattung. Mich fasziniert ihre Gestalt, die Spuren ihres Vorlebens, die Geschichten, die sie erzählen: zerschlissene Tücher, abgewetzte Kleider, löchrige Säcke, abgetretene Teppiche – Reliquien aus früheren Leben. Ich identifiziere mich mit ihnen und ihren Blessuren, begegne ihnen mit Neugier und Wertschätzung, versuche sie zu ergründen, zu heilen, ihre Schönheit zu zeigen, ihnen in einer Inszenierung neue Beachtung und eine künstlerische Bedeutungsebene zu verleihen. Fetzen sind Lebens-Zeichen. Sie appellieren an eine zukunftsfähige Haltung gegenüber den endlichen Ressourcen unseres Planeten.

Über einige Jahrhunderte hinweg nahm die Leinenweberei im hannoverschen Wendland eine bedeutende Stellung ein. Die komplexen Verarbeitungsschritte des hier angebauten Flachs können aktuell in Workshops des Rundlingsmuseums in Lübeln erfahren werden, altes Bauernleinen findet sich ballen- und stapelweise auf hiesigen Flohmärkten und gehört zu den Basismaterialien meiner Arbeiten. Sie beziehen sich auf diese historischen Wurzeln und transzendieren sie in heutige Lebenswelten.

Die Ausstellung wird kuratiert von Christina Paetsch